"Mich auf dem Tanzboden der Phantasie austoben. Das war, was ich in meinem tiefsten Innern wollte."
Tochter eines Wunderheiles, aufgewachsen in der Innerschweiz. Nach dem Besuch der Töchterschule Theresianum folgen eine Banklehre, Aufenthalte in der Westschweiz und in England. Sie verwaltet Immobilien und führt die Buchhaltung von Gesellschaften. Doch ihr Traumberuf ist Schriftstellerin. Sie bildet sich autodidaktisch aus. Liest, übt, schreibt verbissen und verwirft. Dieser einsame Prozess dauert acht Jahre, bis sie sich die Veröffentlichung des ersten Textes zutraut. Ihren ersten Roman "Aussicht gerahmt" veröffentlicht sie 1976. Danach folgen die Bücher Schlag auf Schlag. Zwischendurch entstehen Hörspiele, Stücke, Texte für Anthologien. Ihr Werk ist breit gefächert und erhält viele Auszeichnungen.
Lesereisen führen sie durch Europa. Mehrmals wird sie zu Lesereisen nach Amerika eingeladen. Der erfolgreiche Roman DIE STICKERIN, veröffentlicht 2024, ist ihr einundzwanzigstes Buch.
HEUTE + GESTERN + MORGEN
Heute mache ich mir Gedanken zu meinem Achtzigsten. Eine unglaubliche Zahl. Doch ich fühle mich heute so jung, so frisch, so vital wie immer. Ich habe im Februar einen Roman beendet. Mein neunzehntes Buch mit dem Arbeitstitel SOMMER DER CHORMÄDCHEN.
Rückblickend ist für mich "Schreiben" der abenteuerlichste Akt in meinem Leben. Jedes Buch ist das Schnüren meines Rucksacks zum Aufbruch in eine neue Welt. Ich holze linksrechts eine Schneise durch den Dschungel. Das belebt mich! Das ist das Elixier, das ich brauche. Das erhält mich jung.
Das Leben steckt Grenzen, bietet aber Möglichkeiten. Das ist ein Thema. Ich schreibe über Menschen, ihre Wege, Wünsche, Möglichkeiten und Widerwärtigkeiten. Das was sie wollen ist nicht immer das, was sie erreichen. Aber ich bewundere aus tiefstem Inneren die fantastischen Höheflüge, zu denen ein Mensch sich aufraffen kann. Ob er scheitert, ob er seine Möglichkeit falsch einschätzt, das ist nicht von Bedeutung. Aber dass er all seine Kraft und Fähigkeit aufbringt, um für einen Traum zu kämpfen, das ringt mir Achtung ab. Ich glaube, dass es dieser ungebrochene Mut und Trotz ist, der aus einem Individuum erst einen Menschen macht.
Ich schöpfe aus meinem Alltag und meiner Umgebung. Manchmal drehe ich das Zeitrad zurück, doch immer nehme ich mir Leute zum Vorbild, die ich kenne oder die es gegeben hat. Ich stelle sie mir mit all ihren Widersprüchlichkeiten vor. Bilder erstehen, Gespräche, Handlungen, Konflikte. Schliesslich lebe ich mit meinen Figuren. Ich baue Szene um Szene den Roman oder die Geschichte. Trotzdem: Wir wissen so wenig voneinander. Es ist immer nur ein Bruchteil, der aufschimmert, den wir wahrnehmen. Also baue ich aus diesem Bruchteil meine neue, eine andere Welt. Meine Figur ist mein Geschöpf und dreht sich in der Spieluhr meines geschaffenen Turms zum Stundenschlag im Kreis.
Zukunft ist immer ein Zauberwort. In meinem Alter reizt dieses Wort zum Lachanfall. Ich machte mir immer eine Idealvorstellung. Zum Beispiel wollte ich ein wertvoller Mensch sein, andere ermutigen, dass sie ihre Träume verwirklichen. Gute Literatur machen und ganz darin aufgehen. Daneben wollte ich jemand sein, der mit offenen Augen durchs Leben geht. Aber im Lauf der Jahrzehnte schrumpfte die Idealvorstellung von meinem Wert oder von der Bedeutung meines Werks. Ich habe begriffen, dass mein Aufleuchten in der Schöpfung bedeutungslos ist. Aber ich lebe: Das ist grandios. Ich zähle zum unermesslichen Grossen Ganzen. Und jetzt zum Achtzigsten kann ich sagen, dass ich die Schönheit anbete, die mich hier umgibt. Dass ich vor dieser Pracht in die Knie gehe. Wie andere vor mir und andere nach mir. Das Aufblinken meines Staubkorns im All ist nicht Nichts gewesen. (04.06.2019)
Blick auf Schieflaufendes: Mich interessiert unser Leben. Wovon wir träumen. Welche Wünsche wir haben. Was die Einen anpacken und die Anderen zerstören. Das Unerwartete und die ewiggleichen Probleme. Natürlich wurde schon viel darüber gesagt. Und es wurde schön gesagt. Trotzdem beschäftigt es mich immer wieder neu. Um den Alltag zu bewältigen, bediene ich mich der neuen Medien. Handy und Computer sind längst schon eine Selbstverständlichkeit. Nun aber generiert mein Arbeitswerkzeug Formulare zur Gesundheit, zu Reisen, Personalien, Gewohnheiten und Finanzen. Da dies Fragen aufwirft, suche ich das Gespräch. Aber ich finde keine Bezugsperson. Es gibt keinen Ansprechpartner. Nur Relationship Manager und ausländische Telefonnummern. Ich werde aufgefordert, fristgerecht Kästchen anzuzeichnen und punktgenau zu antworten, denn mein "Sheet" sei weltweit kompatibel, bedürfe eines Glossars und vielleicht auch den Beizug eines Anwalts. Ich werde darauf hingewiesen, dass bewusst falsche Antworten eine Gefängnisstrafe bis zu 5 Jahren nach sich ziehe. Was tun? Ich fürchte mich vor Unbekanntem wie KI, im All kreisenden Satelliten, Spionage aus der Armbanduhr, fahrerlose Fahrzeuge, der Öl/Gas/Wasserstoff-Frage, vor einer unbehandelbaren Pandemie und einem Krieg. Doch wenn sich mir ein Problem in den den Weg stellt, befasse ich mich damit, und versuche, es zu lösen. Als Schriftstellerin gehe ich noch einen Schritt weiter. Ich rücke dieses Problem ein Stück von mir weg, als wäre es ein Bild oder Objekt, kreise drum herum und schaue es von allen Seiten an. Wenn ich dann erfasse, was schief läuft, versuche ich es in eine literarische Form zu schleifen. Es auf meine Art in ein Kunstwerk zu bannen.