 |
Vogel
flieg |
Lisa, eine Frau um die Vierzig, ist schon längst der tagtäglichen Wiederholung, der immer gleichen Handgriffe und Antworten an ihrem Arbeitsplatz überdrüssig . Alles setzt sie auf ihren großen Urlaub, hofft auf neue Begegnungen, auf Befreiung. Was Lisa aber in einem Bergkurort erlebt, ist auch nur bereits Bekanntes. So bringt diese Ausflucht nichts Neues, die Erlebnisse sind austauschbar. Auch Lisa bleibt, wie immer schon, nur Beobachtende, Zuschauerin, Unbeteiligte, unfähig, sich zu binden, sich mit der Wirklichkeit einzulassen. Selbst
Ansichtskarten sammeln sich in ihrem Hotelzimmer an, weil sie diese nicht abschickt.
So bringt das Ende des Urlaubs nur die Fortsetzung
ihres bisherigen Lebens. Da
gibt sie alles auf: Beruf, Bekannte, was
immer ihr früheres Leben ausgemacht hat.
Exakt vermessene Innerlichkeit nannte ein
Kritiker den Inhalt, das Thema der früheren Bücher der Autorin. Dies trifft auch
auf ihren neuen Roman zu.
|
|
Liebe Margrit
„Das goldene Tagebuch“ lag schon einige Zeit bei den
Büchern, die ich in absehbarer Zeit zu lesen vorhatte. Ich las es dann
als Nächstes auf die Nachricht hin, dass die Autorin Doris Lessing den
Nobelpreis erhalten hat. Vorgestern Nacht beendete ich die Lektüre und
las gestern dann Deinen Roman „Vogel flieg“ der mir aus der Bibliothek
von Frau Costa zugeflogen kam.
Der eine Roman ist des anderen Parallelbuch. Beide
Autorinnen und beide Protagonistinnen sind um die 40 Jahre alt bei der
Niederschrift der Werke. Beide Texte zeigen die erotischen Wünsche der
Heldin auf, aus der Sicht der Frau, von einer Frau geschrieben. Und
nicht wie sich ein Mann vorstellt, wie eine Frau das erlebt. Ich konnte
die Frau hinter dem Text in keiner Zeile vergessen. Sie steht für die
Echtheit. Faszinierend für einen Mann.
Lessings Anna ist eine rote Intellektuelle die sich
aus freier Entscheidung als ungebundene Frau sieht. Ein erfolgreicher
Roman macht sie auch finanziell unabhängig. Sie nimmt sich, in den
Fünfzigerjahren, die wir beide ja auch sehr gut in Erinnerung haben, das
Recht Ihre Ungebundenheit auszuleben. Die Verwirklichung ihrer Ideale
sucht sie – nonkonformistisch aber unter Künstlern und Intellektuellen
damals gerade deshalb beliebt - in der Kommunistische Partei Englands.
Für die Befriedigung Ihres Liebeslebens reiht sie „Affäre“ an „Affäre“.
Affäre ist für sie und ihre Freundin Molly eine Chiffre für die
selbstgenommene Erlaubnis zum Ausleben der Sexualität im puritanischen
England. Ihre grosse Illusion ist, in allem selbstbestimmend zu sein,
eine Antreiberin, nicht eine Getriebene.
Schribers Lisa erkennt sich als Gefangene des
Alltagstrotts. In den Ferien, wenigsten in den Ferien, sucht sie
auszubrechen. In ihrer Vorstellung kündigt sie ihren Job in der Bank.
Sie denkt sich frei, aber nicht darüber hinaus. Sie wüsste mit der
Freiheit nicht umzugehen, nichts anzufangen. Sie ist ganz nahe an der
zufriedenen Resignation des Tressorschattens. Sie weiss es nicht, aber
sie ahnt es als ihre Zukunft. Ihrem Körper gönnt sie einen
Ferienliebhaber, ihre Seele ist unbeteiligt. Liebe ist Nähe, schreibst
Du. Das was Lisa ersehnt und nicht bekommt.
Das was auch Anna herbeiwünscht. Was sie in ihren
Affären erfahren hat, ihr Gewissheit ist. Sie meint zwar die Männer
ihrer Affären wählen zu können, in Wirklichkeit nimmt sie, genau wie
Lisa, den der einfach da ist. Sie kommt zum Schluss, das Sex ohne Seele
Selbstbefriedigung ist, es braucht keinen Mann dazu. Es ekelt ihr vor
ihr selbst. Sie kann in ihrer Einsamkeit sogar den Abscheu eines
Schwulen für einen Frauenkörper nachvollziehen.
Die Linientreue der Partei, das dogmatische Festhalten
auch an Lügen, die Unmöglichkeit sich in der Partei frei zu entfalten,
empfindet Anna zunehmend als Gefängnis. Sie tritt aus. Aber nicht ein in
die Freiheit. Im Gegenteil: Sie schafft sich ihr Gefängnis auch physisch
selbst, sperrt sich freiwillig in ein Zimmer, tapeziert die Wände mit
Zeitungsausschnitten. Sie treibt dem Wahnsinn entgegen und sie weiss es.
Anna, die intellektuelle Künstlerin, die
Selbstbestimmende, die Ungebundene, ist nun mehr Gefangene als Lisa, die
Untergebene, welche die Opferrolle angenommen hat und nur noch einmal im
Jahr, in den Ferien, die Gittertür ihres Käfigs offen glaubt. Und nach
drei Wochen mit absoluter Sicherheit wieder zurückkehrt.
Beide
Geschichten bleiben offen. Kein Ende, schon gar kein Happy End. Der
Leser weiss beide Frauen weiterhin im Kreise treibend, getrieben,
nicht antreibend. Auf eine immer unwahrscheinlicher werdende Liebe
hoffend.
Du bist für mich Zwei: Die Autorin die ich aus den
Büchern kenne und die Margrit mit der ich gut Freund bin. Es sind zwei
unglaublich verschieden Menschen, die mir entgegentreten. Darum fällt es
mir auch nicht schwer, einen Text von Dir losgelöst von unserer
Freundschaft zu beurteilen. Also objektiv, soweit das möglich ist.
Die Geschichte Deiner Lisa ist auf den gleichen
literarischen Niveau erzählt, wie die der Anna von Doris Lessing.
Liebe Grüsse, Ernst (S. Antonio, 2007-11-07)
|