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Lexikon der deutschsprachigen
Gegenwartsliteratur seit 1945 (NYMPHENBURGER)
Schriber, Margrit, wurde am
4. 6.1939 in Luzern
als Tochter eines Wunderheilers geboren. Nach einer kaufmännischen
Ausbildung arbeitete sie als Bankangestellte, Werbegrafikerin und
Fotomodell, dann schließlich als Schriftstellerin. 1976 erschien ihr erster
Roman, Aussicht gerahmt. Sie lebt heute in Zofingen und in der
französischen Dordogne. 1977 erhielt sie den Anerkennungspreis der
Schweizerischen Schillerstiftung, 1987 den Zürcher Buchpreis und 1998 den
Aargauer Literaturpreis für das literarische Gesamtwerk und die Ehrengabe
der Stadt Zürich.
Schribers erste drei
Romane, Aussicht gerahmt (1976), Ausser Saison
(1977) und Kartenhaus (1978) beschreiben das Sinn suchende
Kreisen junger Frauen um sich selbst und tragen stark autobiografische
Züge. Mit Muschelgarten (1984) beginnt eine neue
Schaffensperiode, in der sich Schriber zwar weiter mit der Frage nach
Wahrheit oder Lebenslüge auseinander setzt, das Beziehungsgeflecht der
Protagonisten aber immer raffinierter gestaltet. In Muschelgarten
dringt sie ein in die Existenz einer Frau, die „versteinert“ zusieht, wie
das Leben an ihr vorbeizieht. In spröder Klarheit und grosser Dichte
entsteht das Bild einer fremd gesteuerten Persönlichkeit, der bewusst
fragmentarische Aufbau des Romans folgt dem Inhalt:
Szenen aus Gegenwart
und Vergangenheit und verschiedenen Schauplätzen lassen durch ihren
abrupten Wechsel die Zerrissenheit der Frau spürbar werden. Auch Magda, die
Hauptperson des 1987 erschienenen Romans Tresorschatten, ist
gelähmt von der Leere ihrer eigenen Existenz. Sie ist froh, als sie vom
Schalterraum der Bank in den Tresorraum versetzt wird. In diesem Bunker
glaubt sie sich sicher vor Zweifeln und Fragen. Sie geht in der ihr
zugedachten Rolle der „still dienenden Frau“ auf - und gleichzeitig daran
zugrunde. Im Roman Augen Weiden (1990) fasst Schriber den
Kreis der Personen weiter und seziert eine von Lügen, Scheinmoral und
"Langeweile bis zum Ersticken« befallene Schweizer Dorfgemeinschaft. Indem
sie „Ihndaoben“, den alten Steinesammler, ausrichten, weil er sich eine
„Lolita“ hält, glauben sie ihre eigenen Lebensentwürfe zu legitimieren. Ein
Irrtum, den Schriber auf subtile, intelligent - humorvolle Weise aufdeckt.
Von meisterhafter sprachlicher Dichte und inhaltlicher Vielschichtigkeit ist
der Roman Rauchrichter (1993), in dem das Leben einer Familie
über einen Zeitraum von etwa 50 Jahren beschrieben wird. Wie ferngesteuert
bewegen sich die vier Hauptpersonen ihrem Unglück entgegen: Trotz des
Wohlstands, den sie sich nach dem Krieg mit einem Hutgeschäft erwirtschaftet
haben, sind sie am Ende einsam und enttäuscht. Verblichener Glanz und eine
Zauberberg-Atmosphäre beherrschen den Roman Schneefessel
(1993), in dem die Autorin jedoch allzu stark in Abstraktionen verfällt.
Meist spielen
Schribers Geschichten in kleinen, unbekannten Dörfern, Schauplatz ist immer
die Schweiz. Ihre (Anti-) Helden sind einsame, graue Mäuse und so damit
beschäftigt, den Schein eines erfüllten Lebens zu wahren, dass sie nie
wirkliche Erfüllung erlangen. Schriber verfügt, darin vergleichbar der
amerikanischen Autorin McCullers, über das Talent, Träume und Sehnsüchte
aufzuspüren. Mit beklemmender Genauigkeit beschreibt sie Menschen auf
Identitätssuche, hält jedoch gleichzeitig Distanz zu ihren Figuren. Ihr
sprachliches Vermögen zeigt sich in der Kunst, mit einem Halbsatz das Wesen
der Dinge offen zu legen,. und steht dabei einem geistesverwandten Autor wie
Blaise Cendrars um nichts nach. Ihre Texte will sie als Plädoyer für ein
eigenständiges, unschematisches Denken verstanden wissen. Die „Dichterin der
Einsamen“ zählt nicht zuletzt deshalb zu den grossen zeitgenössischen Schweizer
Autorinnen.
(Monika von Aufschnaiter)
Schweizer-Literatur im Ueberblick
Klara Obermüller
„Die Welt“ 10. 1998
Margrit
Schriber muß den nadelgroßen Punkt auf der Weltkarte nicht verlassen, um das
Leben zu finden. "Ich begegne ihm hier. Oder ich begegne ihm nirgendwo." Die
Kleinheit der Region zwingt zur Selbstbehauptung - gegen das gleichsprachige
Ausland, gegen das anderssprachige Inland. Und daraus entspringt erstaunlich
oft eine bewundernswert welthaltige - und ortsgesättigte Literatur.
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Presse-Stimmen
Rauchrichter
"Margrit Schriber ist
eine der bemerkenswertesten Wortschöpferinnen der Schweiz."
(Süddeutsche Zeitung)
Tresorschatten
"Höchst eindrucksvoll, wie scheinbar nichts geschieht und alles sich
verändert."
(Neue Zürcher Zeitung)
Aussicht gerahmt
"Die Härte, womit
hier eine schriftstellerische Position bezogen und durchgestanden wird,
schließt Biederkeit aus. Wie das Bild, das die Position durch das ganze Buch erläutert: die Autorin, am Fenster, mit ihrer
Schreibmaschine, wie auf der Lauer, gleichsam zum Aufzeichnen
verdammt, verfolgt von der ,Idee, ein Ereignis zu
verpassen, sobald ich den Scheiben den Rücken zukehren. Am Ende die Frage, ob sie die Welt
mit einer Schreibmaschine verwechsle. Mit der dreißigjährigen Luzernerin, die bisher
nur einige Kurzgeschichten in Tageszeitungen publiziert hat, wächst eine Autorin heran, die
bald zu den wichtigsten der neuen Schweizer Literatur gehören wird."
(Heinz F. Schafroth,
Frankfurter Rundschau)
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Augenweiden
"Das Spiel mit der Sprache steht
im Vordergrund, der Raum der
Phantasie im Mittelpunkt. Das
Resultat ist nicht Abgehobenheit,
sondern eine subtile Annäherung
an die Realität. ...Wie oft trifft
man schon auf ein Buch, das so
vielschichtig ist, schön und ruhig
in der Sprache und das man nach
dem Weglegen nicht vergisst."
«Ein wichtiger Roman.
Er beschreibt eine Art zu leben, die wohl typisch ist für ein Land, das aus
dem Stuhl der Neutralität heraus zusieht, wie das Weltgeschehen an ihm vorüberzieht.»
(Theo Byland)
Muschelgarten
«Eine Geschichte,
die herunterbrennt wie eine Kerze. ..Das ist
Schreibkunst, die über den üblichen Realismus hinauszielt. Und
Spannung, die auf einallmähliches Ende von etwas zusteuert, obwohl Ordnungsgemäss alles weitergeht.»
(Die Zeit)
Von Zeit zu Zeit
klingelt ein Fisch
Margrit Schriber
ist schon immer eine raffinierte Erzählerin und genaue Beobachterin
menschlicher Unzulänglichkeiten gewesen. Doch nun scheint es, als habe
sie sich in ihrem neuen Band aus den Umklammerungen des Alltags gelöst
und mit leichter Hand eine Tür geöffnet, die zu einer Welt führt, die
hinter dem Offensichtlichen liegt. Die Wirkung ist befreiend und
beklemmend zugleich."
(Frankfurter Allgemeine
Zeitung 27.10.2001)
Die Kunst – ein
grosses Trompe l‘oiel
„Von
Zeit zu Zeit klingelt ein Fisch“: Der Titel verspricht Surreales,
Skurriles, Absurdes, und er verspricht nicht zu viel. Die vorliegenden
Erzählungen entfalten sich, wie mir scheint, freier und leichter als die
Romane. Natürlich schreibt da nicht einfach eine andere, eine neue
Autorin. Noch immer ist Margrit Schriber auf Figuren eingeschworen, die
am Rande, am alleräussersten Rand nicht nur der Gesellschaft, sondern
des Lebens stehen, die einsam bleiben, auch wenn sie, versteckte
Voyeure, die anderen unablässig beobachten. Noch immer weiss sie ihre
Sätze, die Bilder und Pointen, präzis und verblüffend zu setzen... Die
Texte sind lockerer geworden. Spielerisches darf sich darin bemerkbar
machen. Anspruchslos, gar harmlos sind sie deswegen nicht.
(DREHPUNKT Elsbeth Pulver )
Kriegsschiff im Salon
In
ihrem neuesten Erzählband legt Margrit Schriber mit dem Skalpell der
Sprache Abgründe frei. Fern einer modischen Coolness bewegen sich diese
Texte zwischen Betroffenheitsprosa und Frank Kafka. Mit
dem schlichten, treffsicheren Skalpell ihrer Sprache ortet Margrit
Schriber noch die kleinsten Spuren des Lebens ihrer Figuren – eines
Lebens, das sich in die entlegensten Winkel des Bewusstseins verkrümelt
hat.
(BASLER ZEITUNG Bernhard Ott) Das Lachen der Hexe
"In konsequenter Aussenschau, ohne jede anbiedernde
Empathie, zeichnet Margrit Schriber mit ihrem Roman den unaufhaltsamen
Niedergang einer lebensvollen, glückshungrigen Frau - und zwar derart
dicht, dass man ganz ins Geschehen hineingezogen wird. Ihre
Sprache zeugt von grosser Disziplin, kommt schlackenlos daher, hart
und kristallin manchmal, aber immer wieder auch mit Glanz und innerer
Wärme. Ein Glücksfall ist zudem die Einbindung des Muotataler Dialekts
mit seinen unverwechselbaren Klängen, die jedem musikalischen Menschen
phonetischen Lustgewinn bescheren. Dann aber glaubt dieser tatsächlich
das Lachen Anna Marias zu hören."
(NZZ
Beatrice Eichmann-Leutenegger)
Beklemmend plausibel erzählt "Das Lachen der Hexe"
die Geschichte einer dörflichen Ausgrenzungs- und
Denunziationskampagne. ..Mit kraftvollen, kurzen Sätzen treibt Margrit
Schriber das Geschehen voran. Wie beiläufig skizziert die sinnliche,
mit mundartlichen Ausdrücken versetzte Sprache das Panorama einer
frühneuzeitlichen Lebenswelt. Der ländliche Hexenglaube erscheint als
alltagsnahes Deutungsmustern, in welchem reale Existenzängste und
irreale Welterklärungen auf verhängnisvolle Weise zusammenspielen.
(TAGESANZEIGER Monika Burri)
Wie ist es zu erklären, dass eines der nervigsten,
überzeugendsten, geglücktesten Bücher der Saison bisher praktisch
unbeachtet blieb? Ist es der Titel, "Das Lachen der Hexe", der etwas
Historisches oder Feministisches oder Problematisches oder alles
zusammen evoziert und dem Trend des bloss Unterhaltsam-Spannenden
zuwiderläuft? Oder ist es die Autorin, Debüt vor genau 30 Jahren mit
"Aussicht gerahmt", die man längst zu kennen glaubt und von der
niemand mehr erwartet, dass sie den viel gehätschelten Newcomern und
Debütantinnen den Schneid abkauft? Wer bereit ist, "Das Lachen der
Hexe" ganz für sich und unvoreingenommen zu lesen - ohne Seitenblicke
auf das Vorleben der Autorin, so, als hätte sie damit erst debütiert
-, wird jedenfalls eine wunderbare Überraschung erleben.
DER BUND (Charles Linsmayer)
Das Hexen-Werk: Der Schweizer Autorin Margrit
Schriber ist ein ganz besonderer Roman über Neid und Unschuld gelungen
BRIGITTE (Angela Wittmann)
Da gibt es keine Langsamkeiten und
Weitschweifigkeiten, keine Landei-idyllen und keine
Präindustrialisierungs-Seligkeiten.
(FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG Alexandra Kedves)
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Die falsche Herrin
…Wie schon in Margrit Schribers Vorgängerroman
„Das Lachen der Hexe“ (2006) rückt eine einfache Person aus dem Volk
ins Blickfeld, die aber alle Attribute eines verführerischen
weiblichen Wesens aufweist, sich nicht unterordnen will und zäh und
schlau ihr Leben anpackt. Die Autorin arrangiert den Stoff fast wie
ein Bühnengeschehen. Die reich facettierte Ausgestaltung zum
historischen Roman allerdings ist das Ergebnis eines erstaunlichen
Vorstellungsvermögens, hat doch die Autorin in den
Protokoll-Unterlagen des Kantonsarchivs Schwyz nur wenige Sätze zu
diesem Gerichtsfall vorgefunden. Lebhaft präsentiert sie den
Schwyzer Patriziersitz, wo die Diplomaten ein und aus gehen;
anschaulich schildert sie die lebensgefährlichen Fluchtwege der
jungen Frau übers Gebirge. Gleichwohl erzählt sie gerafft, fast
novellistisch verkürzt. Margrit Schriber beherrscht die grossen
Linien wie die kleinen Finessen. Die sorgfältige Sprache dieses
schmalen, aber dichten Romans stellt eine Mixtur aus verschiedenen
Idiomen dar. …Und man taucht vollends in eine entschwundene
Geschichte aus dem Ancien Régime ein, einer harten alten Zeit, die
unter der Hand der Autorin wieder zu prallem Leben erwacht.
(NZZ: Beatrice Eichmann)
... Sie macht wiederum unter minutiös genauer
Zeichnung von Ambiente und Atmosphäre, aus der Liebesgeschichte
einer Wäscherin und eines vagierenden Studiosus etwas vom
Berührendsten und Spannendsten, was man in letzter Zeit lesen
konnte. Margrit Schriber hat den Roman wie ein Bühnenstück
komponiert, das mit wechselnden Schauplätzen arbeitet. Da steht kein
Wort zu viel, da ist keine unnötige Wendung zu finden, folgt Satz
auf Satz wie die Prägungen einer kostbaren literarischen Münzsorte.
Dabei leuchtet die Zeit, die evoziert wird, ebenso anschaulich aus
den Salons und Gartenanlagen der Reichen wie aus den armseligen
Behausungen der Armen heraus, erscheint das Gefälle zwischen adlig
und unbedeutend, reich und ausgenützt plastisch herausgearbeitet und
ist alles wundervoll mit Bildern und Leitmotiven durchgestaltet und
verdichtet.
(Der Bund: Charles
Linsmayer)
…Margrit Schriber zeichnet das stimmige Bild einer
Frau, die sich mit ihrem Geschick nicht abfinden, die ihre Talente
entfalten will. ..Das Erzählte wird relativiert, und das
kontrastierende Gegenbild schärft die Kontur dieses lebensvollen
Porträts einer wie heutig Selbstbewussten.
(LNN: Urs Bugmann)
„Auf einem aktenkundigen Fall basiert Schribers
Roman, der mit einer ungewöhnlichen Struktur überzeugt. Die
Schweizerin schildert das Geschehen in einer konstruktiven Mixtur
aus konjunktivisch gehaltener Befragung von Anna verurteilenden
Augenzeugen, träumerischen Luftschlössern der ihr zugeneigten
Waschfrauen, die mit Anna gearbeitet hatten, und beobachtender
Begleitung der Protagonistin. Rückblenden und historische Erzählzeit
fliessen kunstvoll ineinander. Das Konstrukt zu durchschauen ist
nicht ganz einfach; bei der Orientierung helfen Absätze zwischen den
Erzählelementen. Die kühle, schnörkellose Sprache passt zu der
unaufgeregt erzählten Geschichte mit den distanziert gezeichneten –
rein fiktiven – Charakteren, in die Margrit Schriber keine
überflüssige Emotion und Geste hineingelesen hat, dem überraschenden
Ende. Die starke Geschichte einer starken Frau.
(Main-Echo: Susanne Von
Mach)
„Mit präzisem, zu hoher Meisterschaft entwickeltem
Kunstverstand führt sie vor, wie menschliche Regung, in diesem Fall
verknüpft mit der List eigentlich alltäglicher Nachahmungsspiele,
unsere durch Ordnung und Recht scheinbar gesicherte Gesellschaft aus
den Fugen schmeisst. Margrit Schriber zeigt durch kluge stilistische
und erzähltechnische Details und in raffinierter
Perspektivenführung, wie falsch und unehrlich das Leben der grossen
Welt ist, letztlich wertlos gegenüber genuin menschlichen Regungen.
(Bote der Urschweiz:
Daniel Annen)
„Schriber bewundert die Anna Maria
Inderbitzin als erste moderne Frau, die es gewagt habe, am Anfang
der Aufklärung etwas Unterhörtes zu wagen, auszubrechen aus ihrem
Stand, um ein besseres Leben zu führen. „Sie machte den Schritt über
den Bottich in ein neues Zeitalter der Selbstbestimmung.“ …Sie
wollte sich nicht unterjochen lassen vom Gedankengut und den Regeln
der Gesellschaft zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als Männer und
Frauen aus dem einfachen Volk dem Verhungern vielleicht nur durch
Schwindeln und Stehlen entgingen.“
(Zofinger
Tagblatt 8.3.08:
Adelheid Aregger)
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