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Daniel Annen im Bote der
Urschweiz
Zerbrechliche Identität
Ein Roman Margrit Schribers ist neu aufgelegt worden
Der Verlag Pro Libro in Luzern hat Margrit Schribers
Roman „Kartenhaus“ aus dem Jahre 1978 neu herausgegeben. Ein einzelnes Buch
also aus den letzten Siebzigerjahren? Mehr: ein einzigartiger Zugang zur
Welt dieser Autorin!
Wie wird das noch enden? So fragt man sich beim Lesen von
Margrit Schribers zweitem Roman „Kartenhaus“ bald.
Denn das Haus, in dem Hanna, die Hauptfigur, weilt und
wohnt und wächst, es zerrieselt, zerbröselt, zerfällt. Zwar: bei aller
Baufälligkeit – das Haus stürzt nicht vollends ein. Es steht noch da, auch
auf den letzten Romanseiten. Aber: Der Vater ist ausgezogen. Die Eltern sind
geschieden. Die Mutter hat in der Einengung durch bürgerliche Zwänge ihre
innere Autonomie verloren. Das Haus ist demzufolge auch der Tochter nicht
mehr bergender Hort alter Träume.
Hannas Haus der Kindheit steht also bildlich für einen
Seelenzustand, wie schon die Bauernhöfe bei Gotthelf oder Keller moralische
Verluderung oder aber auch moralische Ordnung spiegeln. Und dieser
Seelenzustand, er zeigt sich fragil, wie ein Kartenhaus eben: ein Schubs –
und weg ist die einst hohe Herrlichkeit, zusammengesackt, flach.
Eindrücke aus der Vergangenheit
Nun kann man einwenden, dieser Kartenhaus-Roman erzähle
also weiss Gott nichts Neues. Die Literatur des 20. Jahrhunderts - kennt sie
nicht Familienkonflikte und zerbrechliche Identitäten zuhauf? Schon wahr!
Nur: Bei Margrit Schriber gibt es da einen Mehrwert. Sie erzählt nicht
einfach nur, wie schwierig eine Jugend, wie peinvoll eine Selbstfindung war.
Ihr Kunstverstand zeigt auch die lauernden Gefahren im Identitätsgefüge. Er
macht einsichtig, wo dessen Verstrebungen brüchig sind, warum das Haus der
Identität einzufallen, zu verlottern droht.
„Meine Erinnerungen sind mangelhaft“, sagt Hanna einmal.
Dieser Feststellung entsprechend kann sich Margrit Schriber nicht an eine
pfeilgenau zusammenhängende Erzählausrichtung halten. Ihr Verfahren ist
schwieriger, darum auch interessanter: Es führt vor, das freilich sehr
zielsicher und genau, wie Eindrücke aus den Schatten der Vergangenheit ins
Licht der erinnernden Gegenwart auftauchen.
Die Ich-Erzählerin zoomt das früher Erlebte an diese
Gegenwart heran. Dabei macht sie einen präzisen Schnitt zwischen dem Damals
und dem Heute. Das gelingt noch manch einem. Zugleich verbindet sie aber
ihre Impressionen auch über die Schnittstellen hinweg. Sie baut Brücken für
das Ineinandergreifen von einst und jetzt. Das gelingt manch einem nicht,
der es auch versucht. Man schaue nur die Nabelschauliteratur der letzten
Jahrzehnte darauf hin durch.
Schreiben als Treibsatz
Wie gelangt Margrit Schriber zu solcher Kunst? Sie sieht
genau hin. Sie konzentriert dann auch ihre Darstellung auf schlagende
Gestik, auf typische Situationen oder auf symbolgeladene Echos aus dem
abendländischen Kulturraum.
Solche Konzentration haucht den vergangenen Gestalten und
Ereignissen Leben ein. Die Ich-Erzählerin im „Kartenhaus“ scheint selber da
und dort solche Verlebendigung als ihr dichterisches Prinzip anzudeuten.
Erahnbar wird darum, was Margrit Schriber zum Schreiben geführt hat: statt
Tod lebendige Schöpfung auf der „Erinnerungsbühne“.
Ein dem Pro Libro-Band beigegebenes, hervorragendes
Nachwort Beatrice von Matts zeigt einleuchtend und mit interessanten
Querbezügen: Der Roman „Kartenhaus“ kann einen Zugang schaffen zum
Gesamtwerk Margrit Schribers, er kann das Verständnis für ihr
Schreibverfahren fördern.
Dieses Schreibverfahren macht das Dargestellte
durchsichtig auf anderes hin. Schribers eindrückliche Plastizität ist ein
Treibsatz: eine Energie, die ganze Vorstellungskomplexe auferweckt,
Einzelnes zu Zusammenhängen verwebt und jedenfalls über das Vordergründige
hinausführt.
Und Brunnen-Ingenbohl?
Zu diesem Vordergründigen gehört übrigens manches aus der
Region Schwyz: der Ingenbohler Klosterwald, die Schwestern, die Schifflände
in Brunnen, das Leewassergebiet, die Kollegischüler mit ihren blauen
Dächlimützen im alten Tram, das Kornmatt-Gelände, Lehrer Rogantini … .
Margrit Schriber ist in Brunnen und Küssnacht aufgewachsen. Aus diesen
Gegenden ist denn auch der Stoff des Romans.
Darum können gerade wir aus der Innerschweiz in diesem
Roman, in seinem Lokalkolorit dennoch so etwas wie ein Zuhause finden. Doch
wer sich vom dichterischen Treibsatz tragen lässt, wird hinter dem Stoff
weit mehr wahrnehmen als nur Lokalkolorit.
Margrit Schriber: Kartenhaus. Zweite, überarbeitete
Auflage. Mit einem Nachwort von Beatrice von Matt. Luzern: Pro Libro 2008.
36 Franken. |