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Überarbeitet 2009-08-28

Aktuell 

 

Neu aufgelegt: DAS KARTENHAUS  (Roman)

am 26. Nov. 2008

Neu erschienen: DIE HÄSSLICHSTE FRAU DER WELT  (Roman)

am 17. Aug.2009


 

Verlag Huber
Frauenfeld / Stuttgart
ISBN 3-7193-0613-5

Kartenhaus


Dieses Buch ist die Beschreibung einer Kindheit, die sich abspielte, als der Krieg zu Ende war.
Hanna hat als Kind diese Zeit nicht bewusst erlebt. Aber Jahre später bei einem Besuch im Elternhaus tauchen Eindrücke auf, Eindrücke bestimmter Menschen und Ereignisse, vereinzelt aus schattenhafter Erinnerung: die Gestalt des Vaters, des Wunderdoktors und leidenschaftlichen Jägers, die zaghafte Mutter, Räber, der Knecht, der Junge aus der Nachbarschaft und sein jäher Tod; aber auch der Berg und das Dorf am See. Dieses Haus der Kindheit, zusammengestückt aus Erinnerungsfetzen, ist verletzlich, ein Kartenhaus aus Bildern und Träumen. Es ist eine vergebliche Suche nach einer verlorenen Zeit. Die Rückkehr in die Kindheit bleibt Hanna verwehrt. Sie weiß, dass sie längst anderswo zu Hause ist.

 

 

 

 Das

 Kartenhaus

 

 

neu aufgelegt beim

 

 

 

 

 

 

 

 

ISBN 978-3-9523163-9-9

Rezensionen des Romans

Zusammenfassung der Pressestimmen >

Arndt Stroscher in LovelyBooks

 

Das KARTENHAUS aus der Sicht eines Innerschwyzers. (2008-02-08-EE)

Als ich das Kartenhaus zum ersten male las, tauchte ich sofort ein in die Nachkriegszeit, in meine Schulstrasse, in meine Jugend. Jede Szene befeuerte meine eigene Erinnerung. Hinter jeder Person sah ich ein Vorbild oder auch mehrere Vorbilder meiner Kindheit zu einer Person verdichtet. Alles stimmt, das Lasten der Berge auf dem uns damals so weit vorkommenden Tale, die Lebendigkeit des Sees, das Wohlriechen aus den Gärten und den Wiesen und dem Walde und selbst aus den Rossgummele. Die fromm katholische und – man kann ja nie wissen - auch heidnische Wundergläubigkeit von uns Berglern; als die wir uns damals allerdings nicht fühlten. „Lesen ist Denken mit fremden Gehirn“ sagt Borges. Beim Kartenhaus triff das für mich nicht zu, ich kann die Gedanken ohne Bruch weiterdenken, die Erinnerungen mit meinen weiterführen.

***

Jetzt, nach einem Vierteljahrhundert, lese ich das Kartenhaus zum zweiten mal. Zwar wieder vom Geschehen gefesselt, bin ich noch frei genug, um diesmal auch die schöne Sprache bewusst geniessen zu können. So fühle ich auch, dass das Buch meinem Liebling, den „Rauchrichtern“, auch in künstlerischer Hinsicht ebenbürtig ist. Und jetzt sehe ich auch die beiden Frauen, Ruth in den Rauchrichtern und die Mutter im Kartenhaus als Schwestern. Und deren Ehemänner als Brüder im Geiste des Völkerapostels Paulus. Dessen Ratschläge zur gottgefälligen Dressur des Weibes nehmen die beiden Zuchtmeister, ungeachtet ihrer Ferne zur Religion, als taugliche Lehre an. Ihre Frauen, Gläubige der gleichen Lehre und deswegen leichte Opfer, lassen sich versklaven. Konrad Ott in den Rauchrichtern richtet seine stilsichere Ruth mit ihrem Flair für modische Hüte zur Goldeselin ab. Vater Marty benützt die Mutter im Kartenhaus zur Kinderaufzucht und als allesertragende Magd. Und beide Paschas beweisen ihre Mannhaftigkeit mit Drittweibern vor den Augen ihrer leibeigenen Frauen und unter Anteilnahme der interessierten Öffentlichkeit. Die Frauen schlucken alle Demütigungen als Gutschriften fürs Himmelreich. Und Mutter Marty bleibt ihrem Manne untertan, selbst nach dessen Verschwinden mit einer Nebenbuhlerin im Alter ihrer Tochter. Denn ihre Heimat bleibt das rote Haus, SEIN Haus, auch wenn er schon lange ausgezogen ist. Sie fühlt sich sündig, wenn sie etwas verändert, einer Wand eine neue Farbe gibt, den Estrich entrümpelt oder gar den Kellerboden anhebt. Es bereitet ihr keine Genugtuung, nun selber entscheiden zu können, selbst gegen den allgegenwärtigen Ausbrecher. Sie scheint sich sogar der Seelenstärke zu schämen, die ihr zukommen muss, um überleben zu können. Sie passt nicht zur demütig Dienenden, könnte ein Anflug von ihr nicht zustehendem Stolz sein.

Es bleibt das Warten auf das Himmelreich.

Das Kartenhaus blieb und bleibt hängen. Das, und nur das, rechtfertigt die Neuauflage.


Daniel Annen im Bote der Urschweiz

Zerbrechliche Identität

Ein Roman Margrit Schribers ist neu aufgelegt worden

Der Verlag Pro Libro in Luzern hat Margrit Schribers Roman „Kartenhaus“ aus dem Jahre 1978 neu herausgegeben. Ein einzelnes Buch also aus den letzten Siebzigerjahren? Mehr: ein einzigartiger Zugang zur Welt dieser Autorin!

Wie wird das noch enden? So fragt man sich beim Lesen von Margrit Schribers zweitem Roman „Kartenhaus“ bald.

Denn das Haus, in dem Hanna, die Hauptfigur, weilt und wohnt und wächst, es zerrieselt, zerbröselt, zerfällt. Zwar: bei aller Baufälligkeit – das Haus stürzt nicht vollends ein. Es steht noch da, auch auf den letzten Romanseiten. Aber: Der Vater ist ausgezogen. Die Eltern sind geschieden. Die Mutter hat in der Einengung durch bürgerliche Zwänge ihre innere Autonomie verloren. Das Haus ist demzufolge auch der Tochter nicht mehr bergender Hort alter Träume.

Hannas Haus der Kindheit steht also bildlich für einen Seelenzustand, wie schon die Bauernhöfe bei Gotthelf oder Keller moralische Verluderung oder aber auch moralische Ordnung spiegeln. Und dieser Seelenzustand, er zeigt sich fragil, wie ein Kartenhaus eben: ein Schubs – und weg ist die einst hohe Herrlichkeit, zusammengesackt, flach.

Eindrücke aus der Vergangenheit

Nun kann man einwenden, dieser Kartenhaus-Roman erzähle also weiss Gott nichts Neues. Die Literatur des 20. Jahrhunderts - kennt sie nicht Familienkonflikte und zerbrechliche Identitäten zuhauf? Schon wahr! Nur: Bei Margrit Schriber gibt es da einen Mehrwert. Sie erzählt nicht einfach nur, wie schwierig eine Jugend, wie peinvoll eine Selbstfindung war. Ihr Kunstverstand zeigt auch die lauernden Gefahren im Identitätsgefüge. Er macht einsichtig, wo dessen Verstrebungen brüchig sind, warum das Haus der Identität einzufallen, zu verlottern droht.

„Meine Erinnerungen sind mangelhaft“, sagt Hanna einmal. Dieser Feststellung entsprechend kann sich Margrit Schriber nicht an eine pfeilgenau zusammenhängende Erzählausrichtung halten. Ihr Verfahren ist schwieriger, darum auch interessanter: Es führt vor, das freilich sehr zielsicher und genau, wie Eindrücke aus den Schatten der Vergangenheit ins Licht der erinnernden Gegenwart auftauchen.

Die Ich-Erzählerin zoomt das früher Erlebte an diese Gegenwart heran. Dabei macht sie einen präzisen Schnitt zwischen dem Damals und dem Heute. Das gelingt noch manch einem. Zugleich verbindet sie aber ihre Impressionen auch über die Schnittstellen hinweg. Sie baut Brücken für das Ineinandergreifen von einst und jetzt. Das gelingt manch einem nicht, der es auch versucht. Man schaue nur die Nabelschauliteratur der letzten Jahrzehnte darauf hin durch.

Schreiben als Treibsatz

Wie gelangt Margrit Schriber zu solcher Kunst? Sie sieht genau hin. Sie konzentriert dann auch ihre Darstellung auf schlagende Gestik, auf typische Situationen oder auf symbolgeladene Echos aus dem abendländischen Kulturraum.

Solche Konzentration haucht den vergangenen Gestalten und Ereignissen Leben ein. Die Ich-Erzählerin im „Kartenhaus“ scheint selber da und dort solche Verlebendigung als ihr dichterisches Prinzip anzudeuten. Erahnbar wird darum, was Margrit Schriber zum Schreiben geführt hat: statt Tod lebendige Schöpfung auf der „Erinnerungsbühne“.

Ein dem Pro Libro-Band beigegebenes, hervorragendes Nachwort Beatrice von Matts zeigt einleuchtend und mit interessanten Querbezügen: Der Roman „Kartenhaus“ kann einen Zugang schaffen zum Gesamtwerk Margrit Schribers, er kann das Verständnis für ihr Schreibverfahren fördern.

Dieses  Schreibverfahren macht das Dargestellte durchsichtig auf anderes hin. Schribers eindrückliche Plastizität ist ein Treibsatz: eine Energie, die ganze Vorstellungskomplexe auferweckt, Einzelnes zu Zusammenhängen verwebt und jedenfalls über das Vordergründige hinausführt.

Und Brunnen-Ingenbohl?

Zu diesem Vordergründigen gehört übrigens manches aus der Region Schwyz: der Ingenbohler Klosterwald, die Schwestern, die Schifflände in Brunnen, das Leewassergebiet, die Kollegischüler mit ihren blauen Dächlimützen im alten Tram, das Kornmatt-Gelände, Lehrer Rogantini … . Margrit Schriber ist in Brunnen und Küssnacht aufgewachsen. Aus diesen Gegenden ist denn auch der Stoff des Romans.

Darum können gerade wir aus der Innerschweiz in diesem Roman, in seinem Lokalkolorit dennoch so etwas wie ein Zuhause finden. Doch wer sich vom dichterischen Treibsatz tragen lässt, wird hinter dem Stoff weit mehr wahrnehmen als nur Lokalkolorit.

 

Margrit Schriber: Kartenhaus. Zweite, überarbeitete Auflage. Mit einem Nachwort von Beatrice von Matt. Luzern: Pro Libro 2008. 36 Franken.